Ein Eulenspiegel-Darsteller auf Reisen: Robert Wendt

Ungefähr zur selben Zeit, als Paul Schuhr seinen ersten Auftritt hatte, wurde die Idee geboren, jemanden in ein Eulenspiegel-Kostüm zu stecken und ihn auf Tournee durch Schleswig-Holstein zu schicken. Nicht der Tourismus sollte mit dieser Idee gefördert werden, sondern ein Projekt, das in dieser Zeit knapper Mittel anders offenbar nicht anders zu finanzieren gewesen wäre.


Fest steht, dass Robert Wendt im Sommer 1925 im Auftrag des Sportvereins Spenden für den Bau des Sportplatzes sammelte. Er verkaufte im Eulenspiegelkostüm Postkarten als „Bausteine“ für den Sportplatzbau.


Es ist heute nicht mehr zu ermitteln, warum die Wahl auf Robert Wendt gefallen ist. Robert Wendt wurde am 28. April 1895 geboren und stammte aus Hamburg-Uhlenhorst. Er war also 30 Jahre alt, als er die Aufgabe übernahm. Wendt war gelernter Maurer, wurde im Ersten Weltkrieg Soldat und kam nach seiner Verwundung ins Reservelazarett nach Ratzeburg, wo er seine spätere Frau kennenlernte, die er 1920 heiratete. Während der Inflation war er arbeitslos – sicher auch ein Grund, etwas ganz anderes zu versuchen. Immerhin hatte Robert Wendt eine „künstlerische Ader“, er zeichnete, malte und gehörte in den 1920er Jahren zu den Mitbegründern des Möllner Mandolinen-Clubs. Er hat später Plakate entworfen und Kinoreklame gestaltet. Im Stadtarchiv befindet sich ein Vertrag zwischen dem Möllner Sportverein von 1912 und Robert Wendt vom 10. Juli 1925, in dem die Einzelheiten der Sammelmission festgelegt werden.

„§ 1 Der Möllner Sportverein veranstaltet eine Schleswig-Holstein-Wanderung im Eulenspiegelkostüm, deren Ausführung Herr R. Wendt […] unternimmt.

§ 2 Sämtliche Ausrüstungsgegenstände werden Herrn Wendt geliefert als 1 Fahrrad mit Kastenaufsatz, 1 Anzug (Eulenspiegel) mit Mantel, 1 Paar Schuhe, 1 Degen, 1 Brille, 1 Kopfbedeckung.

§ 3 Das Gebiet ist nicht begrenzt, kann also auf das gesamte deutsche Reich ausgedehnt werden.

§ 4 Herr Wendt übernimmt die Verpflichtung, sämtliche Gebiete in Eulenspiegeltracht zu durchwandern.

§ 5 Herr Wendt übernimmt weiter die Verpflichtung, zu liefernde Postkarten zum Mindestpreise von 20 Pfennig pro Stück zu verkaufen […] Täglich ist ein Bericht nach vorgesehenem Muster pünktlich abzusenden, ebenfalls die Gelder.

§ 6 Als Entschädigung erhält Herr Wendt monatlich Mk. 100,- Spesen […] Die Ehefrau Wendt erhält wöchentlich eine Unterstützung von Mk. 20,-

§ 7 Nach Abwicklung der Reise erhält Wendt eine Extra-Umsatz-Provision von 10% vom tatsächlichen Brutto-Umsatz im Sinne des Kartenverkaufs ausgezahlt.

[…]

§ 11 Die nötige Reklame, insbesondere Zeitungs-Lokalnotizen pp. erledigt Herr Wendt.

§ 12 Die Vertragsdauer läuft solange, wie Herr Wendt es wünscht, jedoch müssen die Einnahmen größer sein als die Gesamtausgaben. Sobald eine Unterbilanz eintritt, endet das Unternehmen […].“


Den Anzug lieferte der „Möllner Maskenverleih“ in der Mühlenstraße, die Schuhe wurden von Schuhmachermeister Wenske am Mühlenplatz nach Maß gefertigt und das Fahrrad (Marke Opel) lieferte die Firma Frewert.

Am 26. Juli 1925 startete Robert Wendt am Möllner Bauhof. Seine Erlebnisse hat der Eulenspiegeldarsteller in einem knappen Reisetagebuch festgehalten:

„26. Juli 25. Abmarsch von Gasthof Brandt z. Eulenspiegel in Mölln. Mein Pferd wird wild und wirft mich glänzend ab. Zu Fuß mit Musik zum Tor hinaus. Begleitet von ca. 10 Radfahrern nach Fredeburg – Ratzeburg. Autos angehalten. Postkartenverkauf zufriedenstellend […]in Ratzeburg nicht viel los an Vergnügungen.“


R. Wendts Reise führt ihn nach Ratzeburg – Lübeck (Übernachtung im Seemannsheim)  – Schwartau („Spaziergang mit Erna in Zivil“) – Travemünde –(„Am Strand gelegen, den Kindern Geschichten erzählt“) – Niendorf/Ostsee – Timmendorf – Eutin – Malente -  Lütjenburg – Plön – Preetz („Sehr freche Kinder in Preetz, schlechte Laune, Geschäft sehr flau“) – Kiel („Arbeitslosigkeit ist zu merken“) und Umgebung – Eckernförde – Rendsburg – Schleswig („Regierung und Polizei, Kleinigkeitskrämer, endlich Erlaubnis für abends und sonntags“) -  Flensburg („um 6 ½ Uhr zu einem Zigarrengeschäft. An 100 Kinder hinter mir her, etwa 1 Std. drin geblieben, damit Kinder weggehen, kommen aber immer mehr. Licht ausgedreht. Kinder sagen: ‚Jetzt verstecken wir uns, dann kommt er raus‘. Ich verschwinde durch hinteren Ausgang nach einer andern Straße. Bis 8 h haben die Kinder gewartet, bis sie merkten, dass [sie] angeführt sind“) – Glücksburg – Husum („Viel Kinder stören. Kein Verständnis für die Sache“) – Tönning – Heide – Meldorf – Marne -  Brunsbüttel – Wilster – Kellinghusen – Wrist – Bad Bramstedt- Neumünster.


Für Robert Wendt war diese Reise als Eulenspiegel durch Schleswig-Holstein eine einmalige Aktion. Er hat später, ab 1934, in der Heeresmunitionsanstalt in der Registratur gearbeitet, und nach dem Krieg in der Sperrholzfabrik Thiele sowie als Desinfektor. 1948 ist er in Mölln verstorben.